Serenadenkonzert am Sonnabend, den 16. Juli 2005 um 18 Uhr
im Innenhof des Wolfenbütteler Schlosses

"An English Summer"



Charles Hubert Parry (1848 - 1918)
Lady Radnor's Suite
Prelude - Allemande - Sarabande - Bourée - Slow Minuet - Gigue

Ralph Vaughan Williams (1872 - 1958)
The Lark Ascending - Romanze für Violine und Orchester
Andante sostenuto - Allegretto tranquillo

-- Pause --

Edward Elgar (1857 -1934)
Sospiri op.70

Benjamin Britten (1913 - 1976)
Simple Symphony
Boisterous Bourrée : Allegro molto
Playful Pizzicato: Presto possibile
Sentimental Saraband: Poco lento e pesante
Frolicsome Finale: Prestissimo con fuoco

Solist: Felix Gutgesell, Violine.

Dirigent: Rainer Hertrampf

Nachdem das Serenadenprogramm im vergangenen Jahr mit Rautavaara, Svendsen und Grieg sich im skandinavischen Raum bewegt hatte, zieht es uns dieses Jahr musikalisch auf die Britischen Inseln, und zwar bewegen wir uns in genauen Zwanzigjahresschritten von 1894 (Parry) über 1914 (Elgar und Vaughan Williams) bis 1934 (Britten).

Den Auftakt bildet die Lady Radnor's Suite des Elgar-Zeitgenossen (Sir) Charles Hubert Parry, den man als den englischen Musikpapst seiner Zeit bezeichnen könnte. Er war ein typisches Produkt viktorianischer Bildung, kam über Eton nach Cambridge, um dort Professor für Musikgeschichte zu werden. Gleichzeitig leitete er das Londoner Royal College of Music und entfaltete ein fruchtbares Schaffen als Komponist und Dirigent, vor allem im Chor-Festival-Bereich. Unsere Suite erinnert schon in den Satzbezeichnungen an Bach;wie etwa in dessen h-moll-Suite für Flöte und Streicher finden wir bei Parry barocke Tanzformen unterschiedlichen Charakters, deren Rhythmen sich Parry historisierend anpaßt. Auch im gut durchgearbeiteten Stimmensatz (alle Instrumente, fast gleichberechtigt, haben gut zu tun!) geht er nach solidem barockem Muster vor. In der volkstümlich-englischen Melodik jedoch und in der farbigen Harmonie ist er Kind seiner spätromantischen Zeit (was in seinen späten Jahren auf dem Kontinent Revolutionäres passierte, überging er mit der Nonchalance des gentleman).
Übrigens: Lady Radnor war die Gattin des fünften Grafen von Longford Castle bei Salisbury; der Graf hatte ein eigenes Kammerorchester; die Gräfin durfte 1894 die Uraufführung des Werkes dirigieren.

(Sir)Ralph Vaughan Williams gehört der auf Parry folgenden Generation englischer Komponisten an, wie man den einleitenden Takten von "The Lark Ascending" (komponiert 1914) sofort merkt, ist er vom französischen Impressionismus beeinflußt. Er benutzt dessen stimmungschaffende erweiterte Harmonik, um uns ein englisches Landschaftsbild zu malen: Über dem gehaltenen Non-Akkord der Streicher steigt (ascends) die Solovioline als Lerche zum Himmel, deren Figuren die Vielfalt der Töne des Vogels imitieren. Die Hauptmelodie besteht nur aus vier Tönen; sie ist aber unendlicher Variation fähig. Das Orchester antwortet mit einem volksliedhaften Mittelteil, dann faßt die Violine den ganzen Vorgang in einem letzten mitreißenden "Flug" von Tönen zusammen.
Die Komposition geht übrigens auf ein Gedicht des Poeten George Meredith (1828 - 1909) zurück:
He rises and begins to round,
He drops the silver chain of sound          
Of many links without a break
In chirrup, whistle, slur and shake.
Sie steigt und fängt zu kreisen an
Entläßt des Klanges Silberkette
der vielen Glieder lückenlos
als Jauchzer, Pfiff, gezog'ner Triller
For singing till his heaven fills,
'Tis love of earth that he instils,
And ever winging up and up,
Our valley is his golden cup,
And he the wine which overflows
To lift us with him as he goes ...
Sie singt, bis sich der Himmel füllt
flößt Liebe uns zur Erde ein
und schwingt sich ewig hoch und höher,
ihr Goldpokal ist unser Tal
und sie der Wein, der überfließt
und im Hinaufgehn uns mithebt...
Till lost on his aerial rings
In light, and then the fancy sings.
bis sie in Äthers Kreisen sich verliert
im Licht - und in uns weitersingt.

Nach der Pause folgt eine melancholische Stimmungsskizze des bekanntesten Meisters der britischen Musik im viktorianischen Zeitalter, Edward Elgar, und den Abschluß bildet Baron Britten of Aldeburghs (so sein im Todesjahr verliehener Adelstitel) "Simple Symphony" aus dem Jahre 1934. Damit sind wir in der dritten aufeinanderfolgenden Generation "britischer" Musik. - Die schon in Brittens Kinderzeit entstandenen Melodien mögen "einfach" sein, die Verarbeitung ist es wahrhaftig nicht. Sie ist oft fugenartig enggeführt und dadurch dicht und konzentriert, was dem Werk seine große Dynamik verleiht. Der Reiz der Streichersinfonie liegt in den gegensätzlichen Stimmungen ihrer Sätze, wie Britten selbst sie in den adjektivischen Beiwörtern charakterisiert: Die einleitende Bourée (wie bei Parry barock inspiriert) nennt er boisterous, d.h. "ausgelassen, lärmend"; den hurtigen Pizzicatosatz "spielerisch", die gravitätische Sarabande bezeichnet er gar als "sentimental", was er sicherlich nicht abwertend , allenfalls ironisch, verstanden wissen will. Und das Finale ist "frolicsome" , ein Wort, das zwar vom deutschen "fröhlich" stammt, aber im Englischen einen gröberen Sinn angenommen hat, etwa "ausgelassen, übermütig".

(Anmerkungen: Berndt Strobach)

Felix Gutgesell, Jahrgang 1976, stammt aus Franken und erhielt seinen ersten Violinunterricht mit sieben Jahren. Nach dem Abitur studierte er bei Prof. Walter Forchert an der Musikhochschule in Frankfurt /M. Nach der dortigen Diplomprüfung (Note 1,0) absolvierte er an der Musikhochschule Nürnberg ein Aufbaustudium bei Prof. Daniel Gaede (einem ehemaligen Konzertmeister der Wiener Philharmoniker) und war drei Jahre lang dessen Assistent. Orchestererfahrung sammelte er schon während des Studiums als Konzertmeister des Bayerischen Landesjugendorchesters und als Mitglied des Bundesjugendorchesters. Seit Januar 2004 ist er Stellvertretender Erster Konzertmeister des Staatsorchesters Braunschweig
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